Tjaldmaleen


Auf einem großen Bauernhofe im Harlingerland, nicht weit vom Außendeich, diente einmal eine Waise als Kleinmagd, die hieß Tjalda. Es bürdete ihr jeder die schlechteste Arbeit auf, und sie tat sie guten Mutes. Nur wenn sie den Brei, alleine in der großen Küche, rühren mußte vergaß sie sich in Gedanken, und den Brei der dann oft anbrannte. Dies verdroß die anderen Mägde und Knechte, denn ein Mensch kann nicht mit leeren Magen arbeiten und so gingen sie zum Bauern und klagten ihm ihr Leid: "Wenner door nich gau'n kummaf fan kummt, denn haut wi all int Sack". Weil es nun Erntezeit war, und keine anderen Dienstleute zu bekommen waren, schickte er Tjalda vom Hof. So wanderte Tjalda über Felder und Wiesen, und keiner fragte wo das Kind blieb. Als sie hungrig und müde war, dachte sie sich schließlich: das Beste ist, du gehst ins Wasser, dann bist du alle Sorgen los. So ging sie nun langsam, am goldenen Weizenfeldern etlang auf den Deich zu. Unter einer alten Eiche setzte sie sich ins Gras und war voller trüber Gedanken, als plötzlich etwas feuchtes ihre Hand berührte- "Maleen" rief sie erfreut aus als sie ihre Katze wiedererkannte "Mien gode Maleen" . Im nu waren alle trüben Gedanken verschwunden und sie presste voller Freude die schnurrede Katze an sich. Plötzlich sprang die Katze auf und rannte den Weg entlang auf ein kleines Haus zu, das hinter dem Deich lag. In der Haustür stand eine alte Frau und sagte leise vor sich hin :

" Süh ! - Kind un Katt- Huusmaratt,
Kind un Kater - Huusmarater,
Katt un Kind - Störmenswind",

dabei nahm sie freundlich das Kind an die Hand , während die Katze mit einem Satz in Haus huschte. Dort kochte gerade der Brei über und lief auf den Fußboden. " Slick up" sagte die Alte zu Maleen, aber die wartete bis Tjalda den Boden gereinigt, und ihr den Brei in einen sauberen Napf hinstellte. Nun erkannte die Alte, die Brechtmö hieß, die Katze wieder und erzählte der Tjalda das Maleen keine gewöhnliche Katze, sondern ein hübsches Mädchen und die Braut von ihrem Sohn sei. Weil Habbo ihr Sohn sich erst üblen Gesellen angeschlossen hatte und dann auf See verschollen war, hatte Maleen vor Kummer das Hexen erlernt. Als sie sich dann mal in eine Katze verhext hatte , hatte sie vor lauter Eifer das Zauberwort vergessen und war von Stund an eine Katze. Während Brechtmö ihre Geschichte erzählte lag die Katze schnurrend auf Tjaldas Schoß und so vergingen nun viele Tage und Wochen in friedfertiger Harmonie. Doch im Sommer und im Herbst regnete es immer fort , und so stellte sich allmählich der Hunger ein. Doch dann versorgte Maleen den Haushalt mit Tauben, Rebhühner und Kaninchen und das hungern hatte ein Ende.
In den stürmischen Winternächten schaute die Alte oft über das sturmgepeischte Meer und sagte: " Mien Habbo, mien Habbo" doch Maleen die zusammengerollt am Ofen lag, sagte : "Doot is doot, un wech is wech - Deit di good du Düwelsknecht" denn seit Habbo sie verraten und im Stich gelassen hatte, hasste sie ihn. Eines Tages starb die Alte, und fortan waren nun Tjalda und Maleen alleine und unzertrennlich und die Leute nannten sie einfach nur Tjaldmaleen. So geschah es, daß eines Abends Maleen unruhig wurde und plötzlich von draussen eine rohe Stimme rief :

"Kind un Katt - Huusmarat,
Katt un Kind - Störmenswind
Door kamt all mien Scheepkes an
Mit dreemalhunnertdusent Mann;
De sullen in de wilde See,
Do wur mien Hoor so witt as Schnee.
So witt as Schnee weer hör Gesicht,
as kwemen se vört jüngst Gericht.
Un all de Katten flogen sik
in de düster Kammer - mit den blanken Hammer,
een de kreegt een harden Slag - dat de Dööre apen flog"

Da wurde die Türe roh aufgerissen, und herein stürmte ein, " Brechtmöö, kumm her "gröhlender, wild aussehender Mann. Als er dann Tjalda, die mittlerweile ein schönes Mädchen geworden war, am Ofen sitzend sah, griff er sofort nach ihr. Doch Maleen sprang ihm kratzend und fauchen ins Gesicht und vor lauter Schrecken floh der Mann und eilte in die Dorfschenke. Während er sich betrank erzählten ihm die Dorfbewohner die Geschichte von Tjaldmaleen und so eilte er am nächsten Morgen voller Wut zu dem Hause. Als er dort ankam fand er nur die Katzte vor und er gab ihr einen Fußtritt das sie besinnungslos liegenblieb. Nun legte er sich ins Bett und als er wach wurde, saß die Katze neben Ihm, als sei nichts geschehen, und es roch nach Essen aus der warmen Küche. Er durchsuchte daraufhin das Haus und da er sonst niemand fand, ergriff ihn solch eine hemmungslose Wut, daß er das Küchenbeil nahm und der Katze den Kopf abschlug.
Immer noch wütend, ging er dann wieder ins Wirtshaus wo er sich als Habbo zu erkennen gab. Am nächsten Tag ging er wieder zum Haus, denn er mußte das schöne Mädchen finden, und nichts konnt ihn daran hindern. Als er nun in die Stube trat sah er auf dem Herd den dampfenden Teekessel und daneben saß die Katze. Voller Angst und Wut nahm er sein Messer und versuchte Maleen zu fangen, doch sie entkam ihm immer wieder. Blind vor Wut, merkte er nicht, daß aufeinmal Tjalda die Stube betrat, aber sie konnte nicht mehr verhindern das Habbo die Katze fing und sie tötete. Dann zog er der Katze noch das Fell ab, warf sie auf den Misthaufen und sagte zu Tjalda daß er jetzt ins Wirtshaus gehe, und morgen wiederkommen würde.
Obwohl es Habbo ein wenig grauste , ging er am nächsten Morgen wieder zu dem Haus, und ob er wollte oder nicht, er ging hinein und sah zu seinem Entsetzen die Katze putzmunter neben dem Ofen sitzen.Als er genau hinsah erkannte er in der Katze seine Liebste, und wie vom Teufel gehetzt rannte er wild schreiend ins Wirtshaus und betrank sich. Maleen aber folgte ihm nun solange auf Schritt und Tritt, bis er es nicht mehr aushielt und sein Schiff zum Auslaufen klar machte. Als Habbo mit seinem Schiff, dann trotz eines Sturmes ausgelaufen war, sah er die Katze auf der Reeling sitzen und er warf sie sogleich voller Wut ins tosende Meer. Kaum war das Schiff am Horizont verschwunden, da saß Maleen schon wieder bei den anderen Schiffern, die da sagten: "Dat will mi nich gefallen- Ji schölt sehn, dat geiht verkehrt". Und wenn seitdem die Harlinger Schiffer eine schwarze Katze an Bord sehen, dann verlassen sie sofort das Schiff mit den Worten : " Dat is Tjaldmaleen", denn Habbo und sein Schiff sind nie wieder gesehen worden. Maleen eilte danach aber sofort wieder zu Tjalda zurück, die sie sofort in die Arme nahm: " Dreemal hest du dien Kopp vör mi henhollen - Gottes Segen över di! " Und plötzlich stand ein wunderschönes Mädchen vor Tjalda und fiel ihr um den Hals : "Nun bün ik free !" sagte Maleen und weinte vor Glück.

nach einem alten Märchen aus dem Harlinger Land


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