Das Geisterschiff von Emden


In früheren Zeiten, als die Ems noch an der alten stadtmauer von Emden vorbeifloß, wurde der Delft des Abends zu einer bestimmten Stunde verschlossen.
Einst war ein schlimmes Unwetter. Der Sturm heulte aus Nordwest und peitschte die Ems, so daß das Wasser gen Himmel sprang. Es kam aber ein großes Handelsschiff von langer Fahrt zurück und wollte in den Emder Hafen einfahren. Durch das Wüten von Wind und Wogen kam es glücklich bis dicht vor den Delft, und die Leute, die ihre Angehörigen erwarteten, standen Kopf an Kopf am Ufer und hörten schon des Kapitäns Stimme Befehle durch den Sturm schreien und sahen, wenn der Mond durch die jagenden Wolkenfetzen lugte, die Mannschaft sich um das Segelwerk mühen.
Auch der Hafenwärter stand da und schaute, denn sein Sohn war mit an Bord, aber der Kapitän war sein ärgster Feind, dem er nichts Gutes gönnte. Plötzlich brüllte der Sturm auf, griff in die Segel und hob das Schiff wie eine Nußschale, um es dann hinabzuschleudern in die rasenden Wirbel des Stromes. Die Menschen schrien vor Angnst, und das Schiffsvolk um Hilfe: Der Hafenwärter solle das Wachboot herausgeben, damit man die Mannschaft vom sinkenden Schiff retten könne. Doch er stand und rührte sich nicht, sah nur haßerfüllt zum Kapitän hinüber und sagte: "He hett dat neet beter verdeent!" Da drängten ihn die Menschen an Land und schrien :"Denk an dien Jung, Mann!" Und als er dann endlich das Boot herausgab , sank das stolze Schiff mit allem was darauf war, vor ihren Augen in die Tiefe, und nicht einen gaben die Fluten zurück.
Wenn aber der Nordwest über den Dollart tobt und das Wasser bis in den Grund aufrührt und um Mitternacht der fahle Mond durch dahinrasende Wolken äugt, dann sieht man das Schiff mit vollen Segeln und hört des Kapitäns Kommandostimmenund das Klagen der Seeleute...

Quelle: Ostfriesische Sagen;
Ostfriesische Landschaft

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